Praxisalltag in Zeiten von Corona: Was Sie jetzt über den gynäkologischen Besuch und Covid-19 wissen müssen


22. Oktober 2020
Schwangere

Frage: Covid-19! Was wissen wir über das Virus bisher und wie wird es übertragen?

Dr. Andre Rotmann: Das neuartige Corona-Virus ist gehört zur Gruppe der Sars-Viren. Sars-Cov-2, eine moderne Entwicklung des bisherigen Sars-Virus. Es trat offiziell ab Januar 2020 in der chinesischen Stadt Wuhan auf, dort wurde es anscheinend zum ersten Mal beobachtet. Covid-19, so heißt auch die Infektionserkrankung, wurde dann von der Weltgesundheitsorganisation WHO als Pandemie eingestuft.

Es überträgt sich hauptsächlich durch Tröpfchen-Infektionen, dass in den oberen Atemwegen bei einer feuchteren Aussprache es schnell über die ausgeschiedenen Tröpfchen übertragen werden kann. Deshalb ist es so dass viele Menschen Masken tragen. Es gibt die blauen, einfachen chirurgischen Masken, die für Betroffene und Virusträger ausreichend ist. Damit können sie kaum die Umwelt infizieren.

Leider wissen wir derzeit noch nicht, ob Covid-19 sich auch über Schmier-Infektionen überträgt. Deshalb sollte man auf jeden Fall auf Händeschütteln verzichten und den empfohlenen Abstand von bis zu 2 Meter einhalten.

Die Krankheitsverläufe variieren sehr stark. Sie reichen von symptomlosen Verläufen bis zu Grippe ähnlichen Problemen. Mit Fieber über 38 Grad über den Zeitraum von bis zu 3 Tagen. Es kann aber auch schwere Symptome geben, die zu Atemnot führen können. Patienten müssen in diesen Fällen beatmet werden, schwere Lungenentzündungen können auftreten und es kann auch zum Tode führen.

Was wichtig zu wissen ist: Die Inkubationszeit ist ca. 5 – 6 Tage, es gibt aber auch eine Spannbreite bis zu 14 Tage. Es empfiehlt man bei Verdacht die 14-tägige Quarantäne-Dauer.

Frage: Wer gilt als allgemeine Risikogruppe für Covid-19?

Dr. Andre Rotmann: Dazu gehören Menschen über 50 Jahre oder Menschen, die Vorerkrankungen haben, wie Diabetes, Asthma oder andere im Bereich der Lunge.

Frage: Wie wirkt sich der Corona-Virus auf Ihren Praxisalltag als Gynäkologe aus?

Dr. Andre Rotmann: Wir haben sofortige Maßnahmen eingeführt, bereits im Januar als die ersten Fälle gemeldet wurden. Wir haben Schilder aufgestellt mit „Wir schenken Ihnen ein Lächeln und verzichten aufs Händeschütteln“. Damit haben wir gleich die Art der Begrüßung als bisher geändert. Dann tragen das komplette medizinische Personal und unsere 6 Ärzte Mundschutz und wir haben die Hygienemaßnahmen nochmals aufgestockt. Wichtig ist, dass wir alle, Praxisteam und Patienten, mit dem Desinfektionsmittel 30 Sekunden lang die Hände verstreichen. Diese lange Zeit ist wichtig, damit das Mittel auf der Haut trocknen kann und seine volle antibakterielle und antivirale Wirkung entfalten kann.

Ein witziger Tipp, wie man die Dauer der 30 Sekunden einhält: Einfach 2 Mal hintereinander beim Hände desinfizieren „Happy Birthday“ singen, und schon sind 30 Sekunden um!

Frage: Wie gefährlich ist das Corona-Virus für Schwangere und für ihre noch ungeborenen Babies? Kann sich Covid-19 auf das Baby im Bauch übertragen?

Dr. Andre Rotmann: Das ist eine sehr wichtige Frage. Glücklicherweise ist es so dass Schwangere kein erhöhtes Risiko haben, an Covis-19 zu erkranken. Sie gehören nicht zur Patientengruppe, die ein erhöhtes Risiko haben. Das liegt einmal daran, dass Schwangere in der Regel jünger als 50 sind. Es gibt aus Wuhan tatsächlich Berichte von 20 Schwangeren, die in der Schwangerschaft und während der Geburt infiziert waren, und bei allen 20 Frauen gab es keine Auffälligkeiten bei den Kindern. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass es möglicherweise kein erhöhtes Risiko mit Corona gibt.

Allerdings gab es auch Babys, die tatsächlich positiv auf Covid-19 getestet wurden. Man weiß aber nicht, in welcher Phase das Kind infiziert wurde. Möglicherweise passierte das auch nach der Geburt. Was eine gute Nachricht ist: Keines der Babys erkannte an Covid-19!

Deshalb sollte eine Schwangere, die positiv ist, unbedingt bei der Geburt eine Maske tragen, um die Ansteckung des Kindes zu verhindern. Und es ergibt sich auch die Frage, auf welche Art nimmt die Infizierte mit dem Baby unmittelbar nach der Geburt Kontakt auf. Hier empfehlen sich einfach zum Schutz des Kindes die Hygienemaßnahmen weiter einzuhalten.

Baby, Schwangerschaft

Frage: Was würden Sie Schwangeren, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, empfehlen?

Dr. Andre Rotmann: Zuerst sollte die Frau bei einem positiven Befund telefonisch ihre Gynäkologin / ihren Gynäkologen darüber informieren. Und auch die Klinik, in der sie plant zu entbinden, muss benachrichtigt werden. Das ist sehr wichtig. Dann muss sie sich in die 14-tägige Quarantäne begeben. Es macht auch nichts wenn sie in diesen 2 Wochen nicht von der Hebamme oder vom Gynäkologen betreut wird. In Deutschland haben wir eine sehr engmaschige und gute Betreuung, so dass zwei Wochen ohne den Arzt vollkommen unbedenklich sind.

Wir haben in der Praxis auch eine Video-Sprechstunde für solche Fälle eingeführt. Das ist eine Möglichkeit, in dieser Zeit Kontakt zu dem medizinischen Fachpersonal aufzunehmen.

Frage: Dürfen Frauen, die positiv auf Covid-19 getestet sind, ihr Baby stillen?

Dr. Andre Rotmann: Die Mediziner haben sich über dieses Thema viele Gedanken gemacht, und die Vor- und Nachteile abgewogen. Wir sind zum Schluss gekommen, dass die Vorteile des Stillens über den potentiellen Gefahren durch Corona überwiegen. Deshalb sagen wir auch in diesem Fall, Stillen ist gut!

Stillen stärkt ja auch die Immunität des Kindes. Aber auch hier nochmal der Hinweis: Während der infizierten Phase sollte die Mutter auch streng auf die Hygiene achten, Mundschutz tragen, um die Ansteckung des Kindes nicht zu riskieren.

Ärztin, Covid 19

Frage: Sollen Frauen während der Corona-Krise zur normalen Voruntersuchung kommen oder lieber auf einen späteren Zeitraum legen, wenn sich das Infektionsgeschehen beruhigt hat?

Dr. Andre Rotmann: Darüber haben wir Frauenärzte lange konferiert und auch mit dem gynäkologischen Berufsverband dazu ausgetauscht. Und tatsächlich ist es so, dass man vermeidbare Kontakte mit Menschengruppen aus dem Weg gehen sollte. Und deshalb sollte man allgemeinere Routine-Untersuchungen verschieben.

Natürlich haben unsere schwangeren Patientinnen und Patientinnen mit Krebserkrankungen nach wie vor Zugang zur Praxis und zu Behandlungsweisen. Akute auftretende Beschwerden sollte man immer untersuchen lassen. Aber Routine-Kontrollen können in solch einer prekären Zeit aufgeschoben werden.

Frage: Was kann ich tun, wenn ich Schmerzen habe, starke Blutungen oder ein Myom? Wenn ein Notfall sich auftut und unbedingt eine Untersuchung von Gynäkologen sein muss?

Dr. Andre Rotmann: Ärzte sind und müssen für akute Fälle da sein. Die Praxen sind offen, auch im Falle eines Shutdowns oder einer möglichen Ausgangssperre. Wir sind für Sie da, egal ob es unerwartete Blutungen sind oder ein plötzlich ertasteter Knoten in der Brust. Die Ärzte haben sich so aufgestellt, dass selbst die Zeit im Wartezimmer so gelegt ist, dass immer die vorgegebenen Mindestabstände eingehalten werden können. Derzeit soll aber anders als sonst nur die Patientin in die Praxis kommen, Begleitpersonen müssen draußen bleiben.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es für Notfallpatienten ein gut durchdachtes Versorgungsprogramm gibt, bei dem der Kontakt größtmöglich vermieden wird, und die Patientinnen trotzdem mit ihre Sorgen und Anliegen beim Arzt ihres Vertrauens Gehör finden.

Frage: Welchen Schutz empfehlen Sie als Gynäkologe vor Corona? Wie kann ich mich davor schützen, Covid-19 zu bekommen?

Dr. Andre Rotmann: Der erste Punkt ist zur jetzigen Zeit vernünftig zu sein und auf soziale Kontakte zu verzichten. Das fällt natürlich sehr schwer, keine Frage, auch mir fällt das schwer. Besuche sind zu vermeiden, sondern den Kontakt auf die Personen, die im Haushalt leben, beschränken.

Weiterhin wichtig: frische Luft! Die Wohnung gut lüften und mit Abstand in die Natur für einen Spaziergang. Und vielleicht für diese Zeit mehr auf elektronische Medien für den persönlichen Austausch umzusteigen. Damit jeder gut und sicher durch diese Zeit kommt!

 

Wir bedanken uns bei Dr. Andre Rotmann für dieses Interview, das es auch als Video auf dem Youtube-Kanal von tigovit gibt: „Gynäkologe Andre Rotmann: Praxisalltag in Zeiten von Corona & was Schwangere wissen müssen“

 

Fotos:

Photo by Negative Space from Pexels

Photo by  Daria Shevtsova  from  Pexels

Photo by  Gustavo Fring  from  Pexels

Zurück zur Übersicht