Wie wirkt Vitamin D auf das Immunsystem? US-Gesundheitsexperte klärt auf


23. November 2020
Vitamin D Experte Dr. Zaidi

Neuester Interview-Gast im tigovit-Youtube-Kanal ist einer der führenden Endokrinologen und Diabetes-Spezialisten in den USA: Dr. Sarfraz Zaidi. Er ist ehemaliger Professor für Medizin an der UCLA und Autor mehrerer medizinisch anerkannter Werke. Dazu gehört das Buch „Die Kraft von Vitamin D“, das die Auswirkungen von Vitamin-D-Mangel untersucht.

Frage: Dr. Zaidi, Sie haben vor 15 Jahren angefangen, die Vitamin-D-Werte Ihrer Patienten zu testen. Sie stellten dabei fest, dass 90% Ihrer Patienten einen Mangel hatten. Diese Patienten lebten hauptsächlich im südlichen Kalifornien. Sie führten ein gesundes Leben und waren aktiv im Freien. Was ist Ihre fachliche Meinung, warum sie dennoch einen Vitamin-D-Mangel hatten?

Dr. Sarfraz Zaidi: Nun, lassen Sie uns einen Schritt zurückgehen und sehen, wie wir das Vitamin D bilden. Wir nennen es das Sonnenschein-Vitamin, denn die Sonne ist die wichtigste natürliche Quelle von Vitamin D. Wenn Sonnenstrahlen, insbesondere ultraviolette UV-Strahlen, auf die nackte Haut treffen, dann beginnt die Synthese.

Wenn Sie Kleidung tragen, dann wird dieser Prozess der Vitamin-D-Synthese zu etwa 50% gestört. Ähnlich verhält es sich, wenn Sie Sonnenschutz auftragen. Mehr als SPF 8 blockiert die Synthese vollständig.

Die Menschen, die ich untersucht habe, hielten sich oft im Freien auf und trugen natürlich Kleidung. Nur wenige Teile unserer Haut, wie das Gesicht oder die Unterarme, waren der Sonne ausgesetzt. Dazu wurde viel Sonnenschutzmittel aufgetragen.

Zu geringe Vitamin-D-Werte trotz Sonne & empfohlene Tagesdosis

Diese Menschen nahmen also an, dass sie viel Vitamin D aufnehmen würden. Aber das taten sie nicht. Gründe dafür waren die Kleidung und der Sonnenschutz. Und der dritte Grund für den geringen Wert ist die offiziell empfohlene Dosis an Vitamin D, die sie einnahmen. Sie beträgt etwa 600 IE pro Tag.

Es gibt klinische Daten von Tausenden von Patienten, die taten, was ihre Ärzte empfohlen haben: „Geht nach draußen, 15 Minuten pro Tag“. Eigentlich waren diese Menschen sogar mehr als eine Stunde pro Tag im Freien. Sie leben in Südkalifornien, mit einer gesunden Lebensweise, spielten Tennis, Golf und wanderten. Zusätzlich die Einnahme der offiziell empfohlenen Dosis und trotzdem war ihr Vitamin-D-Spiegel niedrig. Ich war selbst ziemlich überrascht.

Frage: Nachdem Sie Tausende von Menschen mit Vitamin-D-Mangel behandelt hatten, was stellte sich für Sie als beste Behandlungsmöglichkeit heraus?

Dr. Sarfraz Zaidi: Vor etwa 15 Jahren war ich völlig überrascht, ja nahezu schockiert. Dann begann ich, Vitamin-D-Nahrungsergänzungen in höheren Dosen zu verabreichen. Von 600 IE steigerte ich auf 1000 IE. Dann auf 2000 IE pro Tag. Ich hatte die Gelegenheit, diese Patienten alle 3 Monate zu untersuchen. Ich kontrollierte ihren Gesundheitszustand und den Vitamin-D-Spiegel, die allgemeine Blutchemie und ihre allgemeine Gesundheit.

Deshalb kann ich folgendes bestätigen: Eine Nahrungsergänzung ist die beste praktische Methode, um Ihren Vitamin-D-Spiegel in den optimalen Bereich zu bringen, Dieser beträgt 50 – 100 Nanogramm pro ml. Die Formel lautet hier: 5000 IE pro 45 kg Körpergewicht!

Die Formel für den optimalen Vitamin-D-Wert

Wenn Sie also 90 kg wiegen, benötigen Sie 10 000IU pro Tag. Die meisten meiner Patienten erhielten diese Dosen, und nur so konnte ich sehen, dass ihr Vitamin-D-Spiegel in den optimalen Bereich kam.

Ich würde allen, die sich dafür interessieren, empfehlen, diesen untersuchen zu lassen. Sie könnten überrascht sein, und wie ich bereits sagte, haben mehr als 90% der Patienten einen zu geringen Vitamin D-Gehalt.

Lebensmittel mit einem hohen Vitamin D Gehalt: Lachs, Eier, Käse etc.
Fischsorten wie Lachs, Hering oder Thunfisch zählen zu den größten Vitamin-D-Lieferanten. Auch Käse, Eier und Pilze enthalten das gesunde, sogenannte „Sonnenvitamin“.

Frage: Ich habe oft von Vitamin-D-Toxizität gehört. Was können Sie uns darüber sagen? Ist das jemals passiert?

Dr. Sarfraz Zaidi: Nun, bei der Behandlung von Tausenden von Patienten über 15 Jahre hatte ich keinen einzigen Fall von Toxizität. Und die meisten meiner Patienten haben Vitamin D nach der Formel zu sich genommen, wie ich es bereits erwähnt habe. Die meisten haben es monatelang zwischen 5000IU bis 20 000IU täglich eingenommen. Es gab nicht einen einzigen Fall von Vitamin-D-Toxizität.

Toxizität bei täglicher Einnahmen von mehr als 80 000 Einheiten

In der Literatur gibt es eine Handvoll Fälle von Toxizität, und ich habe alle überprüft. In jedem dieser Fälle nahmen die Personen mehrere Wochen lang täglich mehr als 80 000 Einheiten ein. Fazit: Diese Dosierung über mehrere Wochen eingenommen könnte, potenziell  eine Toxizität verursachen. Es gab auch einen wunderbaren Bericht aus Kanada, in dem die Forscher zu dem Schluss kamen, dass die Vitamin-D-Toxizität bei einem Niveau von mehr als 300ng pro ml beginnt.

Frage: Dr. Zaidi, wie stärkt Vitamin D unser Immunsystem und wie hilft es im Kampf gegen Viren?

Dr. Sarfraz Zaidi: Es gibt verschiedene Komponenten in den Immunzellen. Einige helfen uns im Kampf gegen das Virus und einige gegen Entzündungen, aber der interessante Teil ist folgender: Vitamin D reguliert ALLE Komponenten des Immunsystems.

Es gibt eine natürliche Substanz, die von den Immunzellen produziert wird, und diese heißt cAMP. Das steht für „Zyklisches Adenosinmonophosphatpeptid“, was man sich als ein natürliches antivirales Mittel vorstellen kann.

Wie wirkt das „Sonnenhormon“ gegen Viren & Bakterien?

Durch die Produktion dieser Chemikalie sind die Immunzellen in der Lage, Viren, Bakterien und Pilze zu töten. Das Sonnenvitamin trägt dazu bei, die Produktion von cAMP anzukurbeln. Auf diese Weise hilft es bei der Abtötung von Viren, einschließlich Erkältungsviren, Grippeviren und Coronaviren.
Und noch interessanter ist, dass Vitamin D auch den Teil des Immunsystems reguliert, der auch für Entzündungen zuständig ist. Das nennt man einen Zytokinsturm, was im Grunde einfach zu viel Entzündung im Körper ist.

Vitamin D reguliert, dass das Immunsystem nicht in einen Zytokinsturm gerät. Vitamin D hilft uns, die Infektion zu bekämpfen, aber es hilft auch, den Zytokinsturm, die Entzündungen im Körper, zu mindern. Wie Sie wahrscheinlich wissen, sind die meisten Menschen mit Covid-19 an einem Zytokinsturm gestorben. Vitamin D hilft, dies zu verhindern.

80% von Covid-Patienten ohne ausreichend Vitamin D

Es gab eine neue, interessante Studie, die 216 Personen mit COVID-19 untersuchte und herausfand, dass 80% nicht genügend Vitamin D in ihrem Blut hatten. Die Studie ergab auch, dass Menschen, die sowohl COVID-19 als auch niedrigere Vitamin-D-Spiegel hatten, auch eine höhere Anzahl von Entzündungsmarkern wie Ferritin aufwiesen.

Frage: Was ist Ihre Expertenmeinung zu diesem Thema?

Dr. Sarfraz Zaidi: Wie ich bereits erwähnt habe starben die meisten Menschen mit Covid 19 an einem Zytokinsturm. Das ist im Grunde eine übermäßige Entzündung. Entzündungsmarker wie Ferritin und D-Dimer waren im Körper erhöht. Das ist der Hauptgrund, warum Menschen mit Covid 19 auf die Intensivstation kamen und an diesem (Entzündungs-)Prozess starben. Für mich ist es also nur eine Bestätigung dessen, was ich gesagt habe. Das Vitamin D hilft, diesen Zytokinsturm zu verhindern.

In dieser Studie gab es mehr als 80% der Menschen, die einen niedrigen Vitamin-D-Gehalt hatten. Es verwundert mich überhaupt nicht, denn das stimmt völlig mit dem überein, was ich von meinen Patienten gelernt habe.

Frage: Es gibt Vorschläge, dass wir es zusammen mit Vitamin K2 einnehmen sollten.

Dr. Sarfraz Zaidi: Ja, richtig. Und der Grund dafür ist, dass Vitamin D und Vitamin K2 im Körper tatsächlich zusammenwirken. Sie verstärken also die gute Wirkung. Gleichzeitig gibt es theoretische Überlegungen, dass zu viel Vitamin D einige Kalziumablagerungen in der Blutgefäßwand verursachen und das Vitamin K dies verhindern kann.

Wenn Sie also 100 % sicher sein wollen, dann können Sie es zusammen mit Vitamin K2 einnehmen. Die übliche Dosis für Vitamin D3 beträgt 5000IU und Vitamin K2 etwa 100-200 Mikrogramm.

Frage: Wie hoch ist der ideale Vitamin-D-Spiegel im Blut?

Dr. Sarfraz Zaidi: Eine sehr interessante Frage. Ein Vitamin-D-Mangel wird mit so vielen Krankheiten in Verbindung gebracht, weil es eigentlich kein Vitamin, sondern ein Hormon ist, das unser Körper selbst produziert. Denn per Definition sind Vitamine etwas, das unser Körper nicht herstellen kann. Diese muss er in Form von Nahrung zu sich nehmen, während Hormone etwas sind, was unser Körper produziert. Vitamin D ist also ein Hormon, es sollte im Hormonbuch stehen.

Frau freut sich über Sonnenstrahlen

Dieses „Hormon D“ wirkt also auf jede Zelle im Körper. Es gibt zahlreiche Studien, die einen niedrigen Wert mit einer langen Liste medizinischer Probleme in Verbindung gebracht haben: schlechtes Immunsystem, erhöhtes Risiko für Autoimmunerkrankungen, erhöhtes Risiko für Diabetes, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Insbesondere Brust- und Dickdarmkrebs.

Es ist also äußerst wichtig, dass Sie Ihren Wert in den optimalen Bereich bringen. Und der optimale Bereich hängt davon ab, was Sie erreichen möchten. Wenn Sie also nur die Gesundheit Ihrer Knochen verbessern wollen, dann reicht ein Niveau von 30ng/ml aus.

Wert bestimmen lassen – tägliche Dosis festlegen

Wenn Sie aber eine Verbesserung Ihres Immunsystems und die Bekämpfung von Krebs und Autoimmunkrankheiten anstreben, dann brauchen Sie einen optimalen Wert von mehr als 50 ng/ml. Bei meinen Patienten habe ich den optimalen Wert von 50-100ng/ml ermittelt.

Und ich habe festgestellt, dass dieses Niveau sehr wirksam ist, um Autoimmunerkrankungen und schlechte Immunsysteme zu behandeln, zu verhindern und hoffentlich auch Krebs zu verhindern. Aber das Optimum, das ich immer wähle, liegt bei 50-100ng/ml. Das ist dasselbe wie 125-200 Nanomol pro Liter (nmol/L).

Meine Empfehlung für alle Ihre Zuschauer lautet: Bitte lassen Sie Ihren Vitamin-D-Spiegel überprüfen. Es ist ein einfacher Bluttest, der billig und überall erhältlich ist. Dieser Test gibt Ihnen so viele Informationen über Ihr Immunsystem, Ihr Krebsrisiko, Ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Sie können von den Vorteilen von Vitamin D profitieren, und dafür müssen Sie einen guten Wert haben. Und machen Sie sich keine Sorgen über die Toxizität, solange Sie nicht mehr als 80 000 Einheiten pro Tag einnehmen.

 

Dieses Youtube-Interview wurde in englischer Sprache geführt, dem wir deutsche Bildunterschriften hinzugefügt haben. Bitte aktivieren Sie diese Option wenn notwendig.

Hier geht es zum Video: Interview mit Dr. Zaidi über die Kraft von Vitamin D Teil 1

Foto: Tatjana Baibakova / Nr. 1387447259 – Shutterstock

Foto von Garon Piceli von Pexels

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