Verbessert sich die Lebensqualität von Frauen mit Myomen, die Grüntee-Kapseln einnehmen? Charité stellt Studienergebnisse vor


13. Januar 2021
Frauenklink Charité stellt Studien-Ergebnisse mit tigovit vor

Vor 2 Jahren startete die Berliner Frauenklinik eine Studie, um die Wirkung des grünen Tees auf die Lebensqualität von Frauen zu untersuchen, die unter Myomen leiden. Prof. Jalid Sehouli. Leiter der Frauenklinik Charité, stellt die Ergebnisse der Myom-Anwenderbeobachtung in einem Interview auf dem tigovit-Youtube-Kanal vor.

Tanja Hohenester: Herzlich willkommen Prof. Sehouli!

Prof. Sehouli: Vielen Dank für die Einladung!

Ich danke Ihnen! Sie sind ein sehr beschäftigter Mann, der Leiter an der Frauenklink der Charité. Wir führen dieses Interview, weil Ihre Klinik eine Anwenderbeobachtung mit Grüntee-Kapseln bei Frauen, die von Myomen betroffen sind, durchgeführt hat. Herr Prof. Sehouli, können Sie uns den Ablauf der Studie erklären?

Prof. Sehouli: Sehr gerne berichte ich über diese Studie, weil das auch für uns Neuland war. Wir alle mögen grünen Tee, aber wir untersuchen diesen gar nicht so häufig in der Medizin. Mein Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Tumore. Dazu gehören bösartige, aber auch gutartige Tumore. Myome gehören zu den Krankheitsbildern, die die Frauen am meisten beschäftigen. Und deswegen wollen wir neben der Möglichkeit von Operation, anti-hormoneller Therapie, Embolisation oder hochfokussierten Ultraschall auch andere Dinge untersuchen.

Wir wollten untersuchen, ob das Messer die beste Therapie-Strategie ist, und deshalb haben wir erstmals eine Studie mit Frauen konzipiert, die zu uns kamen. Es ging auch immer um die Frage „Muss ich denn eine Operation durchführen?“. Wir sahen, dass es durchaus Zeiten gibt, darüber nachzudenken. Das ist eine wichtige Botschaft, auch unabhängig von dieser Studie.

Bei Myomen sollte man sich in der Regel eine zweite oder dritte Meinung einholen, ob eine Behandlung überhaupt sein muss. Das hat natürlich mit den jeweiligen Symptomen zu tun, den Beschwerden, den Blutungen oder einem Kinderwunsch.

Und jetzt haben wir erstmals Frauen für diese Observation, eine Beobachtungsstudie, ausgesucht. Man sagt in der Wissenschaft, dass es der Blick über die Schulter ist. Wir bieten das jetzt nicht als Behandlungskonzept an, sondern hier ist eine Frau, die Rat braucht, nachgewiesen Myome hat und die wir mit Ultraschall oder im MRT untersucht haben. Der Behandlungsdruck ist aber nicht so groß, dass wir gleich mit einer Intervention, wie einer Operation, antworten müssen.

Und genau diese Frauen haben wir gefragt, ob sie Interesse hätten, an der Grüntee-Extrakt-Studie teilzunehmen. Es gibt schon Hinweise aus vorklinischen Studien, an Modellen, aber auch an Menschen, wie die Studie aus Ägypten, die gezeigt hat, dass das Tumorwachstum gedrosselt, stabilisiert oder sogar verkleinert wurde. Und deshalb wollten wir diese machen, um zu sehen, wie Verträglichkeit, Zufriedenheit und Akzeptanz sind.

Patienten kommen zu uns an die Charité, und möchten eine Behandlung. Doch wir kommen plötzlich mit einer Studie mit grünem Tee auf diese zu.

Wie war die Akzeptanz bei den Frauen, als Sie gefragt haben: „Wollen Sie an einer Studie mit Grüntee-Kapseln bei Myomen teilnehmen?“. Haben Sie gemerkt, dass die Frauen begeistert waren? Hier gibt etwas anderes als die übliche Operation oder eine Hormonbehandlung. Wie war die Rückmeldung?

Prof. Sehouli: Das Echo war großartig. Ich glaube, dass wir heute glücklich sein können, wenn wir mehr als eine Option haben. Das, glaube ich, macht gute Medizin aus. Das man nicht immer sagt, das muss dieser einzige Weg sein. Und deswegen war die Akzeptanz hier sehr groß. Wir haben darum gebeten, die Tee-Extrakte ein halbes Jahr einzunehmen, und die Compliance, die Zustimmung und auch das Dranbleiben an dieser Behandlung war sehr groß, sehr positiv.

Welche Kriterien mussten die Frauen erfüllen? Wie haben Sie sie ausgewählt? Wie groß waren die Myome, wie alt waren die Frauen und hatten die Frauen Symptome?

Prof. Sehouli: Alle Patientinnen waren in unserer Spezial-Sprechstunde, die von Herrn Prof. David, meinem Oberarzt, geleitet wird. Die Patientinnen hatten im Ultraschall nachgewiesene Myome. Wir haben diese auch selbst 3-dimensional ausgemessen. Und wir haben natürlich die Anamnese erhoben, haben geschaut, dass sie gerade keine Behandlung erhalten. Außerdem, dass die Beschwerden so waren, dass man keine Not-Operation oder Not-Behandlung machen muss. Eine schwere Blutung mit starker Blutarmut wäre für diese Studie nicht geeignet gewesen.

Die Patientinnen mussten wissen, dass sie eine Erkrankung haben, die aber nicht bedrohlich oder unmittelbar ist. Und sie mussten die Information und Aufklärung verstehen, um Ja oder Nein zur Teilnahme sagen zu können. Das waren die grundsätzlichen Einschlusskriterien. So nennt man das in der Wissenschaft: Ein- und Ausschlusskriterium. Und sie mussten mindestens 18 Jahre jung sein, und die meisten Frauen waren um die 30 bis 50 Jahre jung. Sie haben sich sehr gefreut, dass wir an der Frauenklinik Charité diese Studie angeboten haben.

Und danach haben die Frauen für sechs Monate die Kapseln eingenommen. Richtig?

Prof. Sehouli: Richtig.

Nach drei Monaten wurde nochmals von Prof. David evaluiert. Es war im Intervall von drei Monaten und dann nochmal beim Abschluss. Ist das korrekt?

Prof. Sehouli: Genau. Nach drei Monaten gab es eine Zwischen-Evaluierung, um zu prüfen, ob es Schwierigkeiten gab, und nach einem halben Jahr nochmals eine Abschlussanalyse im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit. Es gab also eine richtige Studie mit einem Ethikeintrag. Wir hatten auch eine sehr engagierte Promovendin, die uns damit unterstützt hat. Wir haben es nach der Verträglichkeit und natürlich auch auf den Effekt auf die Myome untersucht.

 Und wie würden Sie die Studie einstufen? Was sind die Ergebnisse der Studie?

Prof. Sehouli: Das erste Ergebnis ist, dass die Akzeptanz sehr hoch war. Die gute Nachricht ist, dass die wenigsten Patientinnen in der Phase eine schnelle Problematik ihrer Myome entwickelt haben, die dann eine unmittelbare medizinische Intervention notwendig gemacht hätte.

Hilft grüner Tee bei Beschwerden, die von Myomen verursacht werden?

Wir haben gesehen, dass einige Myome kleiner geworden sind, andere sind stabil geblieben, einige wenige sind auch größer geworden. Auf jeden Fall gab es keinen negativen Effekt. Mediziner sind in der Interpretation von Studien sehr konservativ. Und sie sind auch sehr vorsichtig in ihrer Aussage. Wir können nur sagen: „Ja, das war die richtige Patientengruppe. Wir haben gesehen, dass es sehr gut vertragen wird.“

Wir hatten einige Patientinnen, die abdominelle Beschwerden gehabt haben. Wahrscheinlich aufgrund des Pfeffers, der beigemengt war, um die Resorption zu verbessern. Bis auf eine Patientin haben wir niemanden gehabt, die die Therapie abgebrochen hat. Und in der Regel wurde die Einnahme des Grüntee-Extrakts von den Frauen nach Abschluss der Studie auch vorgesetzt. Wir haben während der Studie mit Ultraschall, immer mit derselben Methode und am selben Gerät gemessen.

Und wir haben die Patientinnen auch nach der Lebensqualität befragt und gesehen, dass die meisten sich in ihrer Lebensqualität, ihrer Mobilität und in ihrer körperlichen Wahrnehmung besser gefunden haben. Lebensqualität ist ein sehr komplexes Thema in der Wissenschaft. Es besteht aus körperlichem, sozialem und psychischem Wohlbefinden. Wir haben gesehen, dass in der körperlichen Dimension der Patientinnen ein signifikanter, kein zufälliger Einfluss beim grünen Tee gesehen wurde. Das ist unabhängig von den Myom-Effekten. Und deswegen denke ich, dass es durchaus auch für das Wohlbefinden der Frau von Nutzen sein kann.

Wir haben nach der gesamten Lebensqualität geschaut, wobei natürlich auch das soziale dabei ist. Die Arbeit, die Verwandtschaft sowie die Beziehung. Dort haben wir keinen Effekt festgestellt. Aber in der Subskala der körperlichen Wahrnehmung und Zufriedenheit haben wir einen Vorteil gesehen.

Das ist ein wichtiges Argument, weil das auch ein Zielkriterium der Medizin ist. Nicht also nur das etwas verschwindet, sondern auch dass ich mich besser und gesünder fühle. Und da denke ich hat das Grüntee-Extrakt-Experiment günstige Ergebnisse gezeigt.

Also würden Sie die Studie als Erfolg bezeichnen?

Prof. Sehouli: Ja, ich persönlich würde sie als Erfolg sehen. Es ging ja nicht darum zu beweisen oder auszuschließen, dass die Myome dadurch verschwinden. Das war nicht der Ansatz. Sonst müssten wir die Studie doppelblind-randomisieren. Doppelblind würde bedeuten, dass die Patientin nicht weiß, dass sie grünen Tee bekommt, und der Arzt ebenso nicht. Dann hätte man einen Placebo-Vergleich, aber das wäre ein ganz anderer Ansatz.

Das war aber nicht unser Ziel. Wir wollten erstmal sehen, ist da was dran und kann man das nehmen. Ich denke, dass es in der Medizin wichtig ist, über Medikamente zu reden. Aber genau so wichtig ist es, zu wissen, was die Menschen sonst so machen. Was essen sie? Wie leben sie und wie ist ihr Lebensstil? Wie gehen sie Ernährung und Bewegung um?

Dann kann ich doch das Grüntee-Thema, ein großes Thema, als Arzt nicht völlig ausklammern. Es ist auch wichtig, dass wir als Mediziner ein Gefühl dafür kriegen, was sinnvoll ist, was nicht und was gefährlich ist. Und daher habe ich jetzt viel mehr Selbstbewusstsein – auch als Arzt – mit den Patienten im Rahmen der Gesundheit über grünen Tee zu reden.

Heißt das, wenn Frauen von Myomen betroffen sind, können unterstützend zur Förderung der Lebensqualität Grüntee-Kapseln empfohlen werden?

Prof. Sehouli: Ja, ich denke, man kann das so sagen. Auch wenn es wissenschaftlich anders kommuniziert werden würde. Man würde sagen: Ein negativer Effekt ist nicht zu erwarten und die Einnahme ist zu begrüßen. Das ist die klassische Kommunikation, aber was Sie gerade gesagt haben, würde ich so auch unterschreiben.

Ja, der grüne Tee ist ein sehr interessantes Thema. Vor allem die Forschung mit dem grünen Tee, dem Wirkstoff des Epigallocatechingallat, kurz EGCG, ist vielversprechend. Es gibt mehrere, hunderte Publikationen, die jährlich publiziert werden. Planen Sie an der Frauenklinik auch noch weitere Studien mit grünem Tee-Extrakt?

Prof. Sehouli: Ja, gute Frage. Da wir beide im Dialog sind: Also ich denke da an das Thema Fatigue, Erschöpfungssyndrom. Das hat ja nicht nur mit einer Krebserkrankung zu tun, sondern tritt selbst bei viralen Effekten auf. Denken Sie an Covid-19 oder an andere chronische Erkrankungen, bei denen wir in der Medizin nicht sehr viele Instrumente haben. Da gibt es sehr schöne Hinweise, dass der grüne Tee vielleicht auch nützlich sein könnte.

Das wäre für mich ein ganz wichtiger Fokus, dem Erschöpfungssyndrom mit Unterstützung des grünen Tee-Extrakts zu begegnen. Das wäre eine wichtige wissenschaftliche Fragestellung.

Sehr schön. Lieber Herr Prof. Sehouli, ich danke Ihnen und ich danke Ihnen im Namen aller von Myomen betroffenen Frauen. Ich denke, es ist sehr, sehr wichtig, dass wir in der Medizin einen Schritt weitergekommen sind. Und vor allem kann es von großem Nutzen für alle Frauen sein, die sich entscheiden, mehr grünen Tee zu trinken oder Grüntee-Kapseln einzunehmen. Ich bedanke mich recht herzlich und wünsche Ihnen alles Gute!

Link zu diesem Video

Link zu den Veröffentlichungen rund um die Studie (grüner Tee + Myome):

https://www.springermedizin.de/effects-of-epigallocatechin-gallate-enriched-green-tea-extract-c/18716840

https://www.researchgate.net/publication/348161451_Effects_of_epigallocatechin_gallate-enriched_green_tea_extract_capsules_in_uterine_myomas_results_of_an_observational_study

Bilder:

Foto: Sehouli/Frauenklinik Charité

Photo by Andrea Piacquadio von Pexels

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